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Kölner Stadt-Anzeiger vom 09.12.06 | Stefanie Jooss

Ein Gespür für Stimmungen

Bensberger komponierte die Musik für den Kinofilm "Mondscheinkinder".

Sie ist so bedeutend, dass ohne sie kein Film auskommt. Trotzdem kann sich hinterher meist kaum ein Zuschauer an sie erinnern. In seltenen Fällen prägt sie sich jedoch derart ins Gedächtnis ein, dass schon ein paar Takte von ihr genügen, um Erinnerungen wachzurufen: an eine tödlich endende Dusche, das weit aufgerissene Maul des Weißen Hais oder an die beklemmende Enge im U-Boot.

"Musik wertet den Film auf", sagt der Bensberger Nicolas Nohn. Die passende Melodie für jede Szene zu finden, ist seine Aufgabe. Nohn studiert Tonmeister an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Am 14. Dezember läuft der erste Kinofilm an, zu dem der Bensberger die Musik komponierte.

"Mondscheinkinder", so der Titel, erzählt von Paul, der jeden Tag bis Sonnenuntergang in einer völlig abgedunkelten Wohnung verbringen muss. Nur so kann der Junge mit der seltenen Hautkrankheit überleben. Seine Schwester Lisa hat für ihn ein schillerndes Universum von Geschichten erfunden. Darin ist Paul ein Raumschiffkapitän von einem anderen Stern, der sich auf die Erde verirrt hat und ans Sonnenlicht einfach nicht angepasst ist. Als Lisa sich in Simon verliebt, ist sie hin und her gerissen zwischen dem aufregenden Simon, der sich brennend für Astronomie und Raumfahrttechnik interessiert, und Paul, der sehnsüchtig auf sie wartet.

"Mondscheinkinder" ist ein modernes Märchen, in dem Realität und Traum miteinander verschmelzen", erklärt Nohn. Dementsprechend opulent gestaltete er die Musik. Das sei für deutsche Verhältnisse unüblich, sagt Nohn. Anders als in Hollywood ist in Filmen hierzulande eher dezente Musik gefragt. Für "Mondscheinkinder" spielte ein komplettes Orchester mit Streichern, Oboen, Pauken und Trompeten die Melodien ein. Auch das sei nicht selbstverständlich, erklärt Nohn. Weil Musiker teuer seien, würde Filmmusik oft ausschließlich mit Hilfe von Computer und Synthesizer erzeugt, sagt der Fachmann.

Die eigentliche Arbeit beginnt für einen Filmmusikkomponisten, wenn alle Szenen gedreht und geschnitten sind. Erst dann kann er entscheiden, an welchen Stellen Musik sinnvoll ist und wie lang die Stücke werden dürfen. Rund 40 Minuten Musik sind im Falle des 87 Minuten langen Streifens "Mondscheinkinder" entstanden. Auch wenn, wie im Falle von Nohn, echte Musiker die Melodien einspielen, erleichtert dem Komponisten moderne Technik die Arbeit. "Alte Könner komponierten am Klavier mit Bleistift und Papier", erläutert Nohn. Kopisten erstellten anschließend von Hand die Stimmen für die einzelnen Instrumente - eine aufwändige und langwierige Prozedur. Nohn muss "nur" die Themen und Akkorde am Keyboard einspielen und die Partitur erstellen. Die Aufgabe der Kopisten übernimmt der Computer.

Die nötige Portion Kreativität braucht der Bensberger trotzdem genauso wie die alten Meister. "Ich entscheide, welche Melodie von welchem Instrument gespielt wird. Deshalb muss ich den Tonumfang und die Spielweisen aller Instrumente kennen", erläutert der 28-Jährige. Und noch eine Fähigkeit ist für ihn unverzichtbar: ein Gespür dafür, mit Musik genau die Stimmung zu erzeugen, die den Film unterstützt. "Ich kann nicht einfach eine Melodie schreiben, die mir gefällt, und sie unter den Film legen."

Das richtige Gespür zu entwickeln, könnten angehende Tonmeister an der Hochschule in Babelsberg erlernen, sagt Nicolas Nohn. Doch die Zugangshürden zum Studium an der größten der fünf deutschen Medienhochschulen sind hoch. Mit Nohn bewarben sich rund 400 weitere Personen. Nur zehn werden pro Jahr genommen. Bei der Aufnahmeprüfung werden die Bewerber in Theorie und Praxis getestet. Sie müssen den Doppler-Effekt erklären, Rhythmen klopfen und Intervalle hören können. Dass er selbst die Aufnahme gleich im ersten Anlauf geschafft hat, schreibt Nohn dem Umstand zu, dass er extrem "locker drauf" gewesen sei: "Ich war nicht vorbereitet und wollte es einfach mal ausprobieren. Eigentlich hatte ich sowieso geplant, mich erst im darauf folgenden Jahr zu bewerben." Inzwischen saß Nohn schon selbst im Prüfungsausschuss, sein Studium ist so gut wie beendet.

Die Musik zu "Mondscheinkinder" ist gleichzeitig Nohns Diplomarbeit. In Potsdam hat der Bensberger ein eigenes Studio eingerichtet. Seine Zukunft sieht er jedoch nicht zwingend im Kino. "Ich betrachte mich selbst als Komponist und Produzent." Auch für Imagefilme von Unternehmen, Werbung und Fernsehserien hat er schon Musik komponiert.




mondscheinkinder